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Aktuelles Informationen für Kalenderwoche 43 - 23.-29.10.2017

 
 

20. Sonntag nach Trinitatis

Predigt Pfr. Peter Palm

Das, liebe Gemeinde, sind Senfsamen.(Senfsamen sind ganz kleine Körner) Bei uns wachsen daraus eher kleine, blumenartige Pflanzen, in der Gegend vom See Genezareth in Israel gibt es aber tatsächlich Senfstauden, die die Größe von 3 bis 4 Metern erreichen. Hören wir das Gleichnis vom Senfkorn, das zu den bekanntesten und schönsten Gleichnissen Jesu zählt.

 

Und Jesus sprach: Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden?

Es ist wie ein Senfkorn: wenn das gesät wird aufs Land, so ist’s das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden, und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, so dass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.

 

So steht das Gleichnis beim Evangelisten Markus im 4. Kapitel.

Lasst uns diesem Markus einen Besuch abstatten.

 

Wir treffen ihn an in seiner Schreibstube inmitten von Unmengen von Zetteln und Wachsplättchen, auf die man damals seine Notizen geschrieben hat.

Ich stelle mir vor: Markus hat seine Notizen geordnet. Da ein Stapel: Was Jesus getan hat. Alle die Geschichten, die man Markus über Jesus erzählt hat, die liegen hier. Er wird sie so anordnen, dass er schließlich die Geschichte vom Leben Jesu in einer guten und richtigen Ordnung erzählen kann. Daneben ist ein anderer Stapel: Worte von Jesus. Diese Notizen gehören zum Wertvollsten, was Markus hat und er ist dankbar und froh, dass er Menschen treffen durfte, die sich die Worte aus dem Mund Jesu gemerkt oder notiert haben. Markus hat auch eine Mappe mit eigenen theologischen Gedanken und Anliegen. Wer sich so intensiv mit Jesus beschäftigt, dem fällt manches auf, was er anderen Menschen mitteilen will – vielleicht in diesem Buch über Jesus.

Markus bekommt auch Post. Einige Briefe legt er zu seinen Notizen für das Jesus-Buch. Die Fragen, die darin vorkommen, denkt er, beschäftigen bestimmt viele Leute und vielleicht findet er bei Jesus eine Antwort darauf.

 

Lieber Markus, steht in einem Brief. Vor einiger Zeit hat sich unsere Familie taufen lassen. Wir dachten: Jetzt wird ein neues Leben für uns anfangen. Wir hofften, dass uns die Taufe verändert und zu neuen Menschen macht. Aber wir haben immer noch dieselben Probleme wie vorher. Eigentlich hat sich nicht viel für uns geändert. Was bringt uns der neue Glaube? Kannst du uns darauf antworten?

Lieber Markus, steht in einem anderen Brief. Ich war immer ein gläubiger Mensch. Ich liebe Jesus und fühle mich geborgen durch meinen Glauben. Aber jetzt ist etwas Schlimmes passiert, was meinen Glauben tief erschüttert hat. Warum kann Gott nicht besser auf uns aufpassen? Hast du mir eine Antwort?

 

Der dritte Brief, den Markus heute in den Händen hält, lautet so:

Lieber Markus, du kennst dich doch gut aus, vielleicht kannst du uns weiterhelfen. Wir sind eine kleine christliche Gemeinde. Wir kommen gern zusammen und wenn wir miteinander Gottesdienst und Abendmahl feiern, ist das immer sehr schön. Wir bemühen uns auch, so zu leben wie wir es von Jesus gelernt haben. Wir wollen ehrlich und liebevoll miteinander umgehen, einander unterstützen und Gott vertrauen. Aber es werden uns in unserer Umgebung so viele Steine in den Weg gelegt. Inzwischen denken wir, christlich kann man nur zuhause und im kleinen Kreis der Gemeinde sein. Im Geschäftsleben z.B. muss man einfach rücksichtslos sein und die eigenen Interessen durchboxen. Wie hat Jesus es gemeint? Wir freuen uns auf deine Antwort!

 

Markus legt den Brief weg und geht zum Fenster. Briefe wie diese hat er schon viele bekommen. Und jedes Mal ist es ihm schwer gefallen, sie zu beantworten. Nein, Probleme, Konflikte, Trauer, Sorgen kann der christliche Glaube nicht wegzaubern. Sie sind so alt wie die Menschheit, sie gehören wohl zum Menschsein dazu. Gott hat uns so viele wunderbare Gaben und Eigenschaften gegeben, aber die haben leider meistens zwei Seiten: Unsere Körper und unsere Seelen sind so vielfältig und empfindsam, und damit aber auch verletzlich; wir sind intelligent und einfallsreich: im Guten wie im Bösen; wir sind fähig zu Liebe und Leidenschaft, zu Freundschaft und Verantwortung und können uns doch in unseren Beziehungen böse verheddern. Was hat Jesus da verändert? Wo ist da Gott zu finden?

 

Markus geht zu seinem Stapel mit den Jesusworten. Er blättert ihn durch und bald hält er in der Hand, was er gesucht hat: das Gleichnis vom Senfkorn. Ob ihm dieses Bild helfen kann, die schwierigen Briefe zu beantworten?

 

Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden?

Es ist wie ein Senfkorn: wenn das gesät wird aufs Land, so ist’s das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden, und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, so dass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.

 

Die Menschen, die sich Markus anvertraut haben –und  nicht nur sie - haben gehofft, das Evangelium, der Glaube an das, was Jesus gebracht hat, könne ihr Leben leichter und die Welt schöner machen. Haben sie sich getäuscht? Ist unser Glauben, ist das Gute, das Hoffnungsvolle, das wir mit dem Evangelium verbinden, in dieser harten Welt nicht doch bloß ein Tropfen auf den heißen Stein? Etwas für Leute, denen es sowieso gut geht? Wo steckt denn die Kraft für die Veränderung?

 

Seht euch so ein Senfkorn an, sagt Jesus. Winzig klein ist es, will gleich durch die Finger schlüpfen. Wenn es auf den Boden fällt, werdet ihr es nicht mehr finden. Und jetzt macht euch bewusst, welche Kraft darin steckt. Sobald es gesät ist, erwacht Leben daraus. Es wird sich verändern, das kleine runde Körnchen. Man wird es nicht wieder erkennen! Und damit nicht genug. Der Keimling wird wachsen und wachsen und eine Weile habt ihr das Gefühl, er wird gar nicht mehr damit aufhören. Und damit immer noch nicht genug! Die Pflanze wird schön sein. Sie wird Schatten spenden. Ihre Zweige und Blätter werden stark genug sein, um Vögel zu tragen. Sie wird anderen Lebewesen einen Rastplatz oder sogar eine Wohnung bieten. Und damit nicht genug. Sie wird nebenher neue Samen machen, neue unscheinbare Winzlinge mit der Kraft, eine eigene kleine Welt zu erschaffen.

 

Ja, das Samenkorn, das mir vorher aus der Hand gefallen ist, wird nicht aufgehen. Nicht jedes Senfkorn wird zum Baum. Aber ist das ein Grund, alle Senfkörner aufzugeben?

 

Auf der einen Seite ist unsere Erfahrung. Die Erfahrung, dass Sorgen und Trauer, Konflikte und Ungerechtigkeit und Bosheit unser Leben und Zusammenleben ganz oft schwer machen. Auf der anderen Seite ist das Versprechen. Das Versprechen Gottes, dass er unser Leben begleitet und gut macht. Und dass wir in der Lage sind, andere Menschen froh zu machen.

 

Was zählt mehr, die Erfahrung oder die Verheißung?

 

Markus schreibt das Gleichnis vom Senfkorn dreimal ab. Dann schreibt er an die neu getaufte Familie:

 

Dass ihr enttäuscht und ernüchtert seid, kann ich verstehen. Mir ging es nach meiner Taufe ganz ähnlich. Man denkt, mit Jesus ist man ein neuer Mensch und dabei hat man sich eigentlich gar nicht verändert und das Leben ist noch genauso kompliziert wie früher. Aber lest, was Jesus gesagt hat. Das Himmelreich ist wie ein Senfkorn. Aus eurem Vertrauen auf Gott kann eine große Kraft werden. Denkt daran, wie sehr Gott jeden von euch liebt. Das ist wie ein heiliger Funke, den ihr in euch tragt. Versucht, den zu sehen und in den Mittelpunkt zu stellen. Ich denke, dann wird es euch leichter fallen, mit Schwung und Mut etwas anzupacken, wird es euch leichter fallen, einander zu verzeihen, einander um etwas zu bitten, Geduld miteinander zu haben. Nein, euer Glaube ist nicht umsonst, vertraut darauf, lasst ihn weiter wachsen! Pflegt ihn und gebt ihm die Nahrung die er braucht.

 

Der unglücklichen Frau schreibt er:

Du hast gefragt, warum Gott nicht besser auf uns aufpassen kann. Du kannst dir bestimmt denken, dass auch ich keine Antwort darauf weiß. Es macht mich traurig, zu sehen, wie viel Schmerz manche Menschen zu tragen haben. Für mich ist das Gleichnis vom Senfkorn ein schönes Hoffnungsbild. Dein Glaube, dein Vertrauen, damit ja auch dein Lebenswillen scheint dir jetzt wie ein kleines unscheinbares Körnchen. Aber es könnte ja sein, dass darin verborgene Kraft steckt, so wie in diesem Samenkorn. Gott verspricht, dass er denen nahe ist, die Leid tragen. Vielleicht kannst du trotz allem Schweren doch auch in dir eine tiefe Geborgenheit spüren, eine verborgene Kraft die in dir wirksam ist und dich trägt. Vielleicht gibt dir das Mut nicht aufzugeben, sondern einen neuen Anfang zu machen. Gott ist mit dir. Und Gott verspricht, dass er denen, die gestorben sind, ein neues, gutes, ewiges Leben gibt. Vielleicht kann auch das dir ein Trost sein, wenn du einen Menschen hergeben musstest. Auf jeden Fall aber gelten bei Gott andere Maßstäbe als hier bei uns. Für ihn sind auch die Menschen, die in unseren Augen schwach sind und nicht viel können, vollkommen und geliebt; sind auch die vollkommen und geliebt, deren Leben voller Brüche ist und ganz anders als sie es sich erhofft hatten. Ich wünsche dir, dass dein Senfkorn aufgeht, wächst und dir und anderen Freude schenken kann.

 

An die kleine Gemeinde schreibt Markus: Denkt an das Senfkorn! Es ist so klein, erscheint so machtlos und trägt doch so viel Kraft in sich! Es wäre umsonst, wenn ihr nur in der Kirche fromm wärt! In der Kirche, in der Gemeinde müsst ihr euch gegenseitig ermutigen. Und in eurem Alltag so gut es geht das leben, was ihr von Jesus gelernt habt und was ihr für richtig haltet. Was wäre die Welt ohne Liebe, ohne Respekt, ohne Fürsorge? Was wäre das Leben ohne das Vertrauen, dass es noch etwas anderes gibt als Geld, Geschäfte und Spaß. Lebt euren Glauben und ihr werdet viele andere treffen, die mit euch auf dem Weg sind. Denkt an das Senfkorn. Es wächst und wird groß und schön.

 

Auch uns gibt Markus die Geschichte mit. Glauben ist etwas Leises. Manchmal mag man ihm gar nicht recht trauen. Aber welche Kraft darin steckt, das haben schon viele, auch viele von uns hier, erfahren.

Das Reich Gottes ist wie ein Senfkorn…

Amen.

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